Wie alles angefangen hat: 

Aus Kapitel 1 – Von Einem der denkt Bildung muss doch jeder gerne bekommen

...............Im Computerraum sitzen sechzehn Damen. Ich blicke kurz in die Runde. Eisiges Schweigen schlägt mir entgegen. Es ist nicht die gespannte Neugier, die ich von meinen Seminaren bei verschiedenen Großkonzernen kenne, wer ist das, was kann er, kennt er unsere Probleme, kennt er die Abläufe oder ist es womöglich ein reiner Fachidiot, wird es trocken und anstrengend oder versteht er Spaß, dürfen wir mitmachen oder will er uns den ganzen Tag „berieseln“, nein, mir schlägt Ablehnung entgegen. Ungefähr die Hälfte der Damen sind ist unter fünfundzwanzig, der Rest im gesetzten Mutti Alter, so zwischen dreißig und vierzig. Auffällig ist von Anfang an, dass sich zwei Gruppen gebildet haben, die Jüngeren sitzen zusammen und die Älteren ebenso. Vom Erscheinungsbild bin ich eigentlich angenehm überrascht, sicherlich keine Schönheitsköniginnen, wobei das ja bekanntlich auch relativ ist, Schönheit ist ja eine reine Geschmackssache, aber alle recht adrett und, jedenfalls nach dem ersten Eindruck, gepflegt. Sicherlich ist auch eine Dame dabei, deren kompakte Bauweise sich doch von den anderen abhebt, dafür kann man aber nichts, wenn es sich nicht unbedingt um die Spezies der Vielfraße handelt. Mal sehen, wie sich das so entwickelt. Ich fange an mit meiner Vorstellung, wer ich bin, wie alt ich bin, ich habe da immer so einen Kalauer, der aber in weit über neunzig Prozent der Nutzung für Lacher sorgt: „…vom Alter her muss ich sagen, jung und dynamisch, die Hälfte vom Alter von Johannes Hesters, und der darf ja schließlich auch noch im Fernsehen auftreten.“ Keine Reaktion! Hinten sehe ich eine Dame, so um die vierzig, die leicht das Gesicht zu einem Lächeln verzieht, das ist alles! Oh, oh, das wird wohl sehr schwer werden. Entweder sind alle auf Grund sehr spärlicher Möblierung des Oberstübchens nicht in der Lage den Witz zu verstehen, was ich nicht annehme, oder meine gefühlte Ablehnung wird zum realen, ernsthaften Problem. Ich stelle mich weiter vor, was ich studiert habe, wo ich die letzten zehn Jahre gearbeitet habe, keine Reaktion, außer bei einer ganz jungen Teilnehmerin, die sich demonstrativ mit ihrem Stuhl in die entgegen gesetzte Richtung dreht. Zum Schluss meiner Vorstellung sage ich dann immer, dass ich verheiratet bin und eine erwachsene Tochter habe. Kurze Reaktionen, ein Aufblicken, immerhin etwas. Das verschlechtert sich aber sofort wieder, als ich beginne meine Vorstellung über die Gestaltung der nächsten Wochen darzulegen. Damit es nicht langweilig wird, entwickele ich an der Whitebordtafel regelrecht eine Agenda: heute allgemeine Grundlagen, was ist Office, wo wird Office eingesetzt, was ist zu beachten, wenn ich unterschiedliche Versionen habe, auch noch: was kostet eine Lizenz und was passiert, wen Raubkopien im Einsatz sind. Eigentlich schon eine interessante Stunde, insbesondere der Teil mit den Raubkopien. „Noch dreimal ein Weihnachtslied singen……..“ ich denke, dass mindestens die Hälfte der Bundesbürger diesen Werbespott kennt. Nach diesem kleinen theoretischen Teil, würde ich gerne wissen, was Sie von Office kennen und auch können. Mich interessiert auch, wie Ihre Computerkenntnisse allgemein sind. Es wäre ja Blödsinn, wenn jemand absolut perfekt am PC ist und schon fünf Jahre mit Office gearbeitet hat, dass derjenige dann gesagt bekommt: öffnen Sie bitte Word, das ist das kleine blaue W da unten. „So, nach dem ich mich vorgestellt habe und Sie im groben wissen, was Sie so heute und in dieser Woche erwartet, bitte ich Sie, dass Sie sich kurz vorstellen. Vorname und Name wären schon sehr wichtig, woher Sie kommen, da geht es mir insbesondere darum, wer längere Zeit hierher fahren muss, mich interessiert auch, was Sie zuletzt beruflich so gemacht haben und, ganz wichtig, wie sind Ihre Computerkenntnisse. Sollten Sie Computerkenntnisse haben, wie sieht es aus mit Office?“ Ich deute auf die Teilnehmerin in der ersten Reihe ganz links: „Dann fangen Sie mal bitte an.“ Die ersten drei nennen ihren Namen, Vornamen und kommen alle aus dieser Stadt, Computerkenntnisse sind vorhanden, Office noch nicht so richtig, Briefe haben sie aber schon geschrieben. In der zweiten Reihe sieht es schon anders aus. Die Teilnehmerinnen kommen aus Orten, von denen ich namentlich schon mal gehört habe, wie weit das weg ist, ist eine andere Frage. Auch kommen solche ernüchternden Aussagen: „Computerkenntnisse hab ich gar keine.“ Auf der rechten Seite in der vordersten Reihe bekomme ich eine sehr präzise Antwort: „Mein Name steht auf dem Schild und Computerkenntnisse hab ich.“ Umso mehr Teilnehmerinnen sich vorgestellt haben, umso lauter wird es. Als ob mit der Vorstellung die Tagesaufgabe nun erledigt ist und nach so viel Anstrengung muss man sich erst einmal unterhalten. Bei der letzten Teilnehmerin verstehe ich kein Wort mehr. „Haaallo, können wir uns einigen, dass die lautstarke Unterhaltung in der Pause, die wir gleich machen, fortgesetzt wird?“ Keiner schert sich drum. Nun hat mir die Natur zum Glück eine recht kräftige Stimme verliehen. „Haaaaallo“ brülle ich. Ich komm mir zwar vor, wie im Zoo, hat aber geholfen. Ruhe ist. Ich höre mir die Vorstellung der letzten Teilnehmerin an und erkläre dann, dass wir auf Grund der selbst eingeschätzten Computerkenntnisse in der ersten Woche wohl komplett Microsoft Word behandeln werden. So weit hat die Stille angehalten. Man muss sich das so vorstellen, wie eine Sirene. Erst ein paar leise Töne, dann schwillt der Ton an und wird am Gipfelpunkt unerträglich. Den Zustand haben wir wieder. Wenn mich der Inhalt der Gespräche interessieren würde, könnte ich aus drei oder vier Gesprächsgruppen alles mitbekommen, teilweise schmerzlich laut. Besonders laut sind die vielen Fäkalausdrücke, „der Schei…kerl“ und „der Pisser“ sind noch die harmlosesten. Irgendwie geht es fast bei allen Gesprächen gegen Männer, gegen das Bildungsunternehmen, gegen die Agentur für Arbeit und irgendwie sind sich alle einig: alles Schei….“ Wieder ein lautstarkes „Hallo!“ Wieder erst einmal Ruhe. „Wir müssen noch kurz das Organisatorische besprechen, dann machen wir ja Pause. Also, wie sind die Pausenzeiten bei Ihnen festgelegt?“ Kann Jemand etwas Negatives an dieser Frage finden? Ich jedenfalls nicht. Was ich da los getreten hatte, hörte sich wie ein mittlerer Tornado an. Alle schreien wild durcheinander, Wortfetzen, die ich aus dem Geschrei heraus hören konnte, zeigten mir, dass über dieses Thema schon mehrfach geredet wurde. „ Nicht schon wieder,….wir haben doch schon alles klar gestellt…..Wenn der sagt, dass wir länger bleiben sollen, dann reicht’s aber……“ „Hallo!!!“ Nach dem sich der Sturm einigermaßen gelegt hat, frage ich: „Was regt Sie denn so furchtbar auf? Ich wollte doch nur wissen, wie die Pausenzeiten festgelegt wurden, ich will diese einhalten und nicht ändern. Ich habe in dem Zusammenhang auch eine Bitte: da ich nicht immer auf die Uhr sehe, erinnert mich bitte, wenn ich die Pause verpasse. DANKE!“ Es bleibt ruhig und ich habe erst einmal von dieser ersten Stunde genug. „Da wir gerade dabei sind, machen wir fix Pause und die Infos stimmen wir anschließend ab.“

Ich gehe in das Büro. „Naaaa? Wie war’s denn?“ Frau Schneider, unsere Sozialpädagogin, schaut mich neugierig an. Sehe ich da einen leichten Anflug von Schadensfreude? Ich kenne sie nicht, dann könnte ich sie besser einschätzen. Die anderen, Frau Fipps, auch eine Sozialpädagogin, so um die dreißig, der Name passt zu ihr, fipsig, ja so führt sie sich auf, das ist jedenfalls mein erster Eindruck, und Hans-Joachim, sehen mich aber auch sehr gespannt an. „Na ja, es ging so. Wir haben erst einmal die Vorstellung hinter uns, die Agenda haben wir festgelegt und nachher teste ich erst mal die Word-Kenntnisse.“ Von allen klappen die Kinnladen runter. „Und das alles ohne Probleme?“ „Ich musste ein paarmal schreien, dann ging es.“ Nun lässt unsere Sozialpädagogin die Katze aus dem Sack: „Wir mussten fast nur schreien, deshalb fragte ich.“

 

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