Wie ich zum „Schriftsteller“ wurde

Ich wollte nie Schriftsteller werden. Warum eigentlich nicht? Ich lese doch gerne Bücher, was liegt da näher als selber Bücher zu schreiben? Gegenfrage: Essen Sie gerne Rinderbraten? Wie viel Rinder halten Sie sich?

Vielleicht hat das damit zu tun, dass in unserer modernen Gesellschaft keiner mehr in der Lage ist alles zu wissen, alles zu können und es auch allen recht zu machen. Manche bilden sich ein, eine Ausnahme zu sein. Sie wissen alles. Oder wissen alles besser? Sie können alles. Auf alle Fälle genau das was Sie gerade machen, und das natürlich besser. Solche Zeitgenossen kennen wir alle, manche Menschen, deren Synapsenaktivitäten nicht so besonders hoch sind, bewundern diese Alleskönner. Die Masse jedoch findet diese Verhaltensweisen störend, ich auch. Nur nicht dazu gehören. Gut, ich brauche mich nicht verstecken, meine Bildung und Ausbildung ist recht ordentlich, ich habe in meinem Leben schon viel Erfahrung sammeln können, der Tribut dafür ist natürlich mein Alter. Über fünfzig ist bei einigen Mitbürgern schon ein biblisches Alter und Ausschlusskriterium für Vieles, Arbeit zum Beispiel. Diese „Jungbürger“ haben nur vergessen, dass es gar nicht so lange dauert bis sie über fünfzig sind. Nun ja, das geschriebene Wort jedenfalls kann besserwisserisch klingen, kann viele Menschen begeistern oder auch empören. Erinnern wir uns an die Reaktion auf ein Buch eines Bänkers, der über Migration geschrieben hatte.

Und am schlimmsten ist es ja wohl, wenn man ein Buch geschrieben hat und keiner liest es. Zu den Leuten, die viel Geld ausgeben, um beim Familientreffen stolz auf ein Buch in der Schrankwand zu verweisen, dass ganz fett den Namen des Autors direkt ins Gesicht springen lässt und von dem insgesamt zehn Exemplare gedruckt wurden, will ich auch nicht zählen. In meinen Augen sind diese Menschen genauso unterbemittelt wie die „Möchtegerndoktoren“, die alles daran setzten um sich mit einem Doktor-Titel zu schmücken. Auch hier fallen uns aktuelle Ex-Doktoren ein, von den hunderten Titelkäufern, eigentlich "akademische Grad Käufer", der Doktor ist kein Titel, oder anderen kriminellen Ehrenbeschaffern wollen wir gar nicht reden. Eigentlich beleidigen diese Ehrsüchtigen die vielen, vielen  ehrlichen Doktoren, die ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse  weitergeben wollten, die monatelang, ja jahrelang und auch nächtelang über ihrer Arbeit gesessen haben, die zig mal Änderungen vorgenommen haben.....

Ein Buch schreiben, das ist gar nicht so einfach. Manche möchten gerne Schriftsteller werden. Und wie immer, wenn irgendwo ein Bedarf  oder ein Bedürfnis angemeldet wird, prompt gibt es einen Anbieter, der die Marktlücke erkannt hat. Schriftstellerkurse werden angeboten, es gibt komplette Jahreslehrgänge und, und, und.... Auf meine Frage: „was hat Du denn gelernt?“ antwortete mir ein „Neuschriftsteller“: „Wie man ein Buch schreibt und wie man alles richtig macht.“ Sein Manuskript war, freundlich ausgedrückt, langweilig, die Handlung nicht nachzuvollziehen, auf Seite zwanzig wusste man gar nicht mehr um was es geht, ab Seite fünfzig habe ich aufgehört zu lesen. Sicherlich war seine Gliederung besser als meine, sicherlich wahr wohl kein einziger Rechtschreibfehler durchgerutscht und sicherlich war seine Sprache „modern“. Es wimmelte jedenfalls von Anglizismen. Aber das ist ein Kapitel für sich, viele, die von sich behaupten, dass sie gebildet seien, versuchen ihre Sprachdefizite mit Fremdwörtern zu überdecken. Es ist schon seltsam, mit welchem Selbstbewußtsein die deutsche Sprache verhunzt wird, vor einigen Monaten erklärte mir ein führender technischer Mitarbeiter eines Autokonzerns: "Goethe ist veraltet, ein absolutes no go, man muss sich den  challenges stellen um fit for future zu sein." Um diesen Ausspruch zu kommentieren, kann man nur mit seinen Worten sagen: seine Hardware ist für die deutsche Sprache leider out off order, ein upgrad wird da wohl kaum helfen.

Ja, Schriftsteller werden, schreiben lernen, richtig schreiben, so einfach wie das dargestellt wird, ist es nicht. Man kann das Handwerk lernen, der Inhalt oder ich gehe sogar so weit, der Geist des Werkes kann nicht vorher „erlernt“ werden. Wer mir das nicht glaubt, der sehe sich doch ganz einfach mal den Werdegang von Bestsellerautoren an. Unbestritten gehören zum Beispiel Frank Schätzing („Der Scharm“), Sebastian Fitzek (mehrere Thriller) oder weltweit Mary Higgins Clark und Joanne K. Rowling dazu. Alle haben eine Ausbildung, die „artfremd“ ist und auch nie einen „Schriftstellerkurs“ besucht.

Wie bin ich nun dazu gekommen?

In den letzten zehn Jahren war ich als Dozent und Trainer für einige Großkonzerne unterwegs. Als Trainer hat man relativ wenig Zeit. Tagsüber muss man versuchen das geballte Wissen an den Mann oder an die Frau zu bringen, nach Feierabend bereitet man die nächsten Trainings vor, und das ist heute nicht mehr so einfach wie vor zehn Jahren, es kostet Zeit. Die Wende kam vor zwei Jahren. Mir wurde ein langfristiger Auftrag, mindestens ein Jahr ist für mich lang, angeboten. Die Europäische Union hat gewisse Fördertöpfe, aus einem sollte ich regelmäßig ein paar Euronen abbekommen, als Gegenleistung wurde ich Herr über eine Gruppe alleinerziehender Damen. Manch einer meiner Geschlechtsgenossen wird das schon recht interessant und reizvoll finden. Für mich war es Arbeit, und das nicht wie sonst, viele hundert Kilometer von zu Hause entfernt, nein, in einer Stunde erreichbar. Ein Jahr mal so richtig entspannt und mit geregeltem Feierabend und Wochenende einen stinknormalen Job machen, dachte ich. Es sollte aber kein normaler Job werden. Den ersten Entsetzen über so viel Ignoranz, über so wenig Bildung, über so ein starkes Selbstbewusstsein, trotz Bildungsarmut, über die Frechheit und Unverschämtheit folgte die Eingabe: das muss man allen Menschen mitteilen, was hier „abgeht“. Und so setzte ich mich in meiner, nunmehr doch ganz ordentlich bemessenen, Freizeit an mein Laptop um alles aufzuschreiben. Und siehe da, mit jedem Absatz, mit jeder Seite wurde mein Frust weniger. Ich bekam „Abstand“ von den Problemen, ich sah alles aus zwei Perspektiven, die des Steuerzahlers, der alles bezahlt und auch aus der Perspektive des Hartz-Vierlings. Auf einmal konnte bestimmte Verhaltensweisen verstehen, nicht gut finden, nein, aber verstehen. So bin ich zum Schreiben gekommen.

Ich hätte da noch was vergessen, Geld? Das habe ich auch schon öfters gehört: „Der hat ein Buch geschrieben, der muss ja Kohle haben.“ Schriftstellerkollegen wird dieser Satz ein müdes Lächeln entlocken, mehr aber auch nicht. Vom Bücher schreiben wird man nicht reich, es sei denn, das Buch wird so ein Bestseller, dass es die ganze Welt haben möchte. Gut, die ganze Bundesrepublik reicht auch schon um von den Erlösen ein Jahr gut zu leben. Wie viel Schriftsteller wünschen sich den so etwas und wie viel Bücher gibt es? Nein, wenn man die Einnahmen dem Aufwand gegenüber stellt kommt ganz klar heraus: Geld wäre eher die Motivation um nicht zu schreiben.

Inzwischen arbeite ich an meinem zweiten Buch, auch hier werden einige kritische Bemerkungen dazu beitragen, dass das Buch nicht nur geliebt wird, da es aber in der Zukunft spielt ist doch neben Tatsachen eine gehörige Portion Phantasie gefragt. Dabei muss es natürlich auch logisch aufgebaut sein. Ob das gelingt? – Das entscheiden Sie.


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